Zusammenfassung der Dissertation

 

 

Intarsien. Entwicklung eines Bildmediums in der italienischen Renaissance

 

Im Jahr 1350 erwähnt ein Dokument, welches eine Stiftung für die Fertigung des Chorgestühls von S. Croce in Florenz betrifft, erstmals eine besondere Form der Verzierung von Holzgegenständen. In dem Schreiben wird mitgeteilt, dass der Meister Pietro di Lando da Siena und seine Helfer für die Sitze „Intarsien“ herstellen sollen, eine Dekorationstechnik, welche, so nimmt man an, kurz vorher aus dem fernen Osten nach Italien gekommen war. Es handelt sich dabei um eine spezielle Inkrustationsart, bei der auf einer planen Oberfläche verschiedene Hölzer so in- oder aneinander gelegt, dass wieder eine ebene Fläche entsteht, die aber nach der Bearbeitung verschiedenfarbige und unterschiedlich strukturierte Einschlüsse enthält. Das Trägermaterial erhält dabei in der Regel im Ergebnis keine plastische Ausformung, da die eingelegten Holzstückchen bündig mit der Oberfläche abschließen.

Die lebhafte Entwicklung, welche diese Handwerkstechnik auf der Appeninenhalbinsel erfuhr, führte innerhalb relativ kurzer Zeit zu einer regelrechten „Blüte“ dieser Kunst. Die Oberflächen von Holzmöbeln wurde nicht nur immer variationsreicher, sondern seit Beginn des 15. Jahrhunderts auch mit „richtigen“ Bildern, d.h. Abbildungen im Sinne einer gegenständliche Darstellung (Eikon) versehen. Zugleich widmeten sich immer mehr Werkstätten der Fertigung von Intarsien und bildeten bald einen eigenen Wirtschaftszweig, so dass 1472 beispielsweise Benedetto Dei in seiner Chronik von Florenz berichten konnte: „Florentina bella à 66 botteghe di speziali e à 84 botteghe di legniauoli di tarssie e `ntagliatori […]” [1]. Die beinahe unvergleichbare Konjunktur von Intarsien wird auch daran deutlich, dass beinahe der gesamte Möbelbau mit dieser Dekorationstechnik gleichgesetzt wurde. In Verträgen über Möbel ist in bunter Vielfalt von „inarsiatore“, „magistro a tarsiis“ oder, wollte man sich auf Latein ausdrücken von „magistrum lignarium subtilissimum“ u.ä. die Rede. Wie zentral die eigentliche Verzierung in allen diesen Fällen war, zeigt sich allein darin, dass die so bezeichneten Meister für die Herstellung des gesamten Möbels zuständig waren. 

Ein weiteres Zeugnis der Existenz eines entsprechend spezialisierten Handwerks sind die in großer Zahl erhaltenen Objekte vor allem in Nord- und Mittelitalien. Besonders im kirchlichen Umfeld finden sich nach wie vor zahlreiche Sakristeischränke, Chorgestühle oder Sitzbänke, welche mit Intarsien aufs prächtigste verziert sind und in der Regel heute noch bzw. wieder den Stolz der Besitzer darstellen. Besonders bekannt sind die Holzverkleidungen der Studioli, Studierzimmer vermögender Bürger und einflussreicher Persönlichkeiten, von denen sich heute das Objekt im Palazzo Ducale in Urbino weitgehend unverändert in situ erhalten hat.

Trotz zahlreicher solcher Hinweise, einer Menge erhaltener schriftlicher Dokumente und erster Beachtung von Intarsienarbeiten schon im 19. Jahrhundert, genannt sei nur Jacob Burckhardts „Baukunst der Renaissance“, in der er der Holzdekoration ein ganzes Kapitel einräumt, müssen Intarsien heute immer noch als unerforscht gelten. Meine Dissertation begegnet diesem Umstand und bietet erstmals eine umfassende Untersuchung dieser komplizierten Dekorationstechnik. Als methodischer Ansatz wurde dafür eine Betrachtungsweise gewählt, welche Intarsien als ein Bildmedium zu begreifen sucht, um damit das komplexe Zusammenspiel von Herstellungstechnik, handwerklicher Beschränkung und intellektuellen Bedingungen offenzulegen. Die Entscheidung für diese Vorgehensweise war wurde vor allem durch die Tatsache motiviert, dass stilistische und ikonologische Interpretationsversuche bei Intarsien bislang nur in einigen wenigen Ausnahmefällen erfolgreich waren. Außerdem gelang es den derart gelagerten Interpretationsansätze nicht zu erklären, warum Intarsien im 14. Jahrhundert innerhalb weniger Jahre eine weite Verbreitung fanden, seit der Mitte des 16. Jahrhunderts aber schlagartig nicht mehr nachgefragt wurden und sogar bereits begonnene Projekte gestoppt wurden. Die Beantwortung dieser Fragen führten zu einer breiteren Betrachtung von Ökonomie, Patronage und anderen externen Faktoren, die sich schließlich im Ausgangskonzept, da nicht ausschließlich auf Bilder orientiert, zu einer homogenen Darstellung fügten. Im folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit kurz vorgestellt.

 

Bereits die Untersuchung von Ursprung und Herstellungstechnik der Intarsien zeigt, dass es verschiedene typische regionale und werkstattgebundener Herstellungsverfahren gab. Mit Hilfe dieser Ergebnisse und unter Beachtung der erhaltenen Quellen kann erstmals eine fundierte Rekonstruktion der Anfänge der Intarsienherstellung in Italien gegeben werden, die beispielsweise zeigt, dass Florenz bereits viel früher, als bislang angenommen, ein Zentrum der Kunsttischlerei gewesen sein muss. Gleichzeitig wird deutlich, dass es sich um ein sehr spezialisiertes Handwerk handelt, welches Geschick, Geduld und gute Vorbereitung voraussetzt. Nur wenige Meister und gut organisierte Werkstätten waren überhaupt in der Lage, die entsprechenden Arbeiten herzustellen. Wie außergewöhnlich eine Verzierung mit Intarsien war, zeigt sich auch in einem Vergleich der Räume und Objekte, wo sich Intarsienarbeiten befanden. Trotz der Zerstörung vieler Inneneinrichtungen lässt sich mit Hilfe von Dokumenten, Berichten, Lobgedichten und Selbstzeugnissen nachweisen, dass Intarsien nur in außergewöhnlich dekorierten Environments zu finden waren und die damit verbundene Zurschaustellung von Vermögen, Geschmack oder allgemeiner Pracht von den Zeitgenossen tatsächlich wahrgenommen wurde. Diese Arbeiten stellten zu jeder Zeit eine luxuriöse Dekorationsform dar, welche sich nur die reichsten Familien oder relativ vermögende Institutionen leisten konnten.

Als ein weiteres Ergebnis der Untersuchung wurde festgestellt, dass die verstärkte Nachfrage nach Luxusgütern und Intarsien vor allem in vor allem durch sozioökonomische Faktoren bestimmt wurde. Zu nennen sind dabei neben einem Anstieg des verfügbaren Reichtums und einer höheren Konsumfreudigkeit auch die Herausbildung eines luxuriöseren Lebensstils, der sich im Konsum niederschlug. Die Frage nach der wirtschaftlichen Situation und Entwicklung zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert, einer erhöhten Kunstproduktion und dem Zusammenhang zwischen Reichtum und Konsum werden immer noch heftig diskutiert. Aus Sicht des Möbelbaues jedoch können die genannten Zusammenhänge nur bestätigt werden. Die Frage, warum zwischen verschiedenen Alternativen für die Dekoration gerade Intarsien gewählt wurden, lässt sich hingegen oft nur im Einzelfall beantworten. Neben praktischen Gründen, die beispielsweise bei Sitzmöbeln gegen die Malerei sprachen, kann nachgewiesen werden, dass Intarsien ein anerkanntes Bildmedium darstellten, welches beispielsweise auch im Wettstreit der Künste (Paragone) eine wichtige Rolle spielte. Daneben zeigt die komplizierte Herstellungstechnik, die institutionelle Einbindung der Hersteller und die Werkstattpraxis auch, dass es sich bei der Fertigung von Einlegearbeiten im 14., 15. und frühen 16. Jahrhundert um ein hochentwickeltes Handwerk handelte, welches gleichberechtigt neben anderen Gewerken stand. Vergleiche von Preisen, Löhnen und Lebensstandard der Intarsienschnitzer ergeben insgesamt das Bild einer wirtschaftlich gut gestellten Berufsgruppe, welche teilweise sogar weit überdurchschnittlich verdiente.

Aus diesem Grund verwundert es um so mehr, dass ab etwa 1530 ein bedeutender Rückgang der Aufträge und der Fertigung entsprechender Arbeiten feststellen lässt. Gleichzeitig erfolgte eine Abwertung in den zeitgleich entstehenden kunsttheoretischen Schriften, in denen sich die gesamte Intarsienkunst als den ästhetischen Ansprüchen ungenügendes, unkünstlerisches Handwerk kritisieren lassen musste. Obwohl auch im Fall der abnehmenden Konjunktur der Intarsie sicherlich wirtschaftliche Gründe mit anzunehmen sind, lässt sich darin deutlich ein starker Einfluss der selbst in der Herausbildung befindlichen Kunstkritik erkennen. Sie trug zum „Niedergang“ der Intarsien bei, indem sie gleichzeitig ein bestimmtes Konzept vom Künstler etablierte und Kunst zunehmend als intellektuelles Betätigungsfeld definierte. Wie sehr Polemik in dieser Zeit die Entwicklung begleitete, zeigt sich schon an der Tatsache, dass alle Herstellungstechniken viel früher herausgebildet worden waren und weitestgehend unverändert blieben, während ihre Stellung innerhalb der Künste und in der Gesellschaft sich zum Teil wesentlich änderte. Diese „neue“ Sicht auf die Künste, welche durch die folgenden Jahrhunderte hindurch noch ausgebaut wurde, bestimmt aber bis heute die Forschung in der akademischen Kunstgeschichte, wie sich beispielsweise am Lehrangebot und Prüfungsthemen nachweisen lässt. Anhand der Fertigung von Intarsien kann jedoch exemplarisch vorgeführt werden, welchen ökonomische und soziale Stellung ein Handwerk und seine Erzeugnisse in der Frühneuzeit einnehmen konnte, woraus sich wiederum Anstöße für eine Neubewertung von „Kunst“ ergeben.

 

[1] Romby, Giuseppina Carla: Descrizione e Rappresentazioni della città di Firenze del XV secolo. Con la trascrizione inedita dei manoscriti di Benedetto Dei e un indice ragionato dei manoscritti utili per la storia di Firenze, Florenz 1976, S. 49.